Piepmatz, Hoppelhase, Rattenbrut: Was macht ein Tier nützlich?

Ich bin gerade zu Hause am Wirbeln: In meinem Beitrag von heute Morgen habe ich erzählt, dass ich den Balkon bienenfreundlich bepflanzen will. Vorher musste ich flugs die Fenster putzen. Dabei hatte ich zwei Gespräche. Sie haben mir einmal mehr gezeigt, dass einige Menschen eine verquere Haltung gegenüber Tieren haben.

Als ich anfing zu putzen, hat ein Nachbar hinter dem Haus Wasser verteilt: Seit Jahren stehen dort mehrere Schalen. Vögel, Katzen, Eichhörnchen und Igel trinken daraus oder baden darin.

Der Nachbar und ich haben darüber geschnackt, dass sich zurzeit wieder viele verschiedene Tiere hinterm Haus tummeln. So haben Heiko und ich vor ein paar Tagen einen jungen Igel, zwei Kaninchen, einige Eichhörnchen, Krähen, Tauben, Buntspechte, Eichelhäher, Meisen und Amseln beobachtet – innerhalb einer Viertelstunde. Der Grünstreifen hinter der Häuserzeile wird von sehr vielen Tieren bewohnt.

Das liegt einerseits daran, dass er geschützt liegt. Außerdem stellen mehrere Nachbarn den Tieren rund ums Jahr Nüsse, Obststücke, Meisenknödel und Wasser zur Verfügung. Über den Sinn und Nutzen dieses Angebots kann man geteilter Meinung sein. Doch es bereitet den älteren Anwohnerinnen und Anwohnern Freude, also, was soll‘s …

Wenige Minuten nach dem Gespräch mit dem Nachbarn war jemand vor meinem Balkon: Der Desinfektor, der den Köder in der Rattenfalle erneuert hat. Der Nachbar bemerkte ihn ebenfalls. Es entstand ein Gespräch, ich gesellte mich dazu. Der Desinfektor beantwortete Fragen und erläuterte, dass Ratten ‚artgerecht‘ zu töten sind. Das bedeutet, dass man sie – abgesehen von den chemischen Mitteln – durch Gas oder Genickbruch töten muss.

Mein Nachbar konnte das nicht verstehen. Es seien doch nur Ratten! Die hätten noch nie einen Nutzen für den Menschen gehabt. Warum man sich mit denen denn solche Mühe machen muss?

Der Desinfektor erklärte, dass es in Deutschland so geregelt ist. Ratten sind insofern dem Menschen ähnlich, dass sie Wirbeltiere sind und Schmerzen empfinden. Darum dürfe man beispielsweise auch junge Ratten nicht mehr einfach mit dem Spaten erschlagen, wenn man ein Nest findet ...

Die Frage nach dem ‚Nutzen‘ ist bei mir hängen geblieben.

Ich habe schon oft mit Leuten darüber diskutiert. Viele haben ein gespaltenes, wenn nicht sogar schizophren zu nennendes Verhältnis zu Tieren: Sie unterteilen sie in Gruppen, bilden Kategorien wie ‚Haustiere‘ und ‚Nutztiere‘, ‚Fleisch‘ und ‚Familienmitglied‘, ‚niedlich‘ und ‚hässlich‘. Diese Einteilungen sind oft unlogisch und nicht nachvollziehbar.

So können Kaninchen als liebenswert und fütterungswürdig empfunden werden. Man hält sie als Streicheltiere – ihre Artgenossen landen nichtsdestotrotz als Braten auf dem Teller. Und Stücke ihres Fells auf modischen Bommelmützen. Die ‚süßen Piepmätze‘ im Garten werden gefüttert und getränkt. Vorher und nachher verspeisen die Kümmerer Eier und Teile von Hühnern, Puten, Enten und Gänsen. Und schlafen unter Daunen, die (lebenden) Vögeln ausgerissen worden sind.

Ich weiß, dass die individuelle Haltung gegenüber Tieren durch verschiedene Faktoren bedingt ist. Durch unsere Erziehung, die Personen in unserem Umfeld, die Gesellschaft insgesamt … darüber habe ich viel gehört und gelesen. Bis zu einem gewissen Grad kann ich es auch nachvollziehen.

Dennoch machen mich Begebenheiten wie die heutige betroffen und ratlos: Wie können Menschen ein Tier, das bei ihnen lebt, verwöhnen und wie ein Kind umsorgen, ‚niedliche‘ wilde Tiere füttern – und gleichzeitig anderen, unerwünschten nicht einmal einen schmerzarmen Tod zugestehen?

Ein Slogan der Albert Schweitzer Stiftung lautet: „Wen streicheln? Wen essen?“

Meine Antwort lautet: Ich schaue mal, wo Magda gerade steckt. Und kraule ihren rosa ‚Schweinebauch‘ ...

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