Schietwetter? Schietegal!

Vor ein paar Wochen stand ich an der Haltestelle Mühlenkamp/Hofweg und wartete auf den Bus. Ich vertrieb mir die Zeit damit, über das gute Gespräch mit meiner Freundin nachzudenken, die ich gerade besucht hatte, betrachtete die Häuser gegenüber, beobachtete die Autos, die Leute … und fühlte mich bald selbst beobachtet.

Nun ja, bei so vielen Menschen, die vorbeilaufen und herumstehen, guckt natürlich immer mal jemand zufällig in meine Richtung. Das war es aber nicht. Es war mehr, ich fühlte mich regelrecht angestarrt. Hmmm.

Ich schaute mich um, suchte – und da war er: Ein junger Mann, der mit einer jungen Frau tuschelte und dabei mehrfach kurz zu mir rüberblickte, wegschaute, wieder guckte. Das Gemurmel wurde lauter und schließlich rief er aus: „Ach was, ich geh‘ jetzt einfach hin und frag‘ sie!“

Oha“, dachte ich, „was das wohl gibt?“

Er kam mit ein paar großen Schritten zu mir und strahlte mich an. „Sorry, aber ich MUSS das einfach wissen: Wo hast du deinen Mantel gekauft?“

Aaah! Der Mantel. Hier das erste Mal von einem Mann nachgefragt, was ich besonders schön fand. Enttäuschen musste ich ihn trotzdem: „Den kann man nicht kaufen.“

Den habe ich eigens für mich nähen lassen …

Ich würde es ja selber tun, nur kann ich bestenfalls irgendwie notdürftig einen Knopf anfriemeln, wenn überhaupt. Gleichzeitig mag ich ausgefallene Kleidung, die mir richtig passt. Kurz, ich bin mies im Nähen, aber gut im Ausdenken und Anhaben.

Darum kaufe ich seit ein paar Jahren Stoffe und Schnittmuster und bringe sie zu einer Schneiderin in meinem Viertel. Gemeinsam haben wir schon so manches einmalige Teil ausgetüftelt und produziert. Das bringt mehrere Vorteile mit sich: Die Stücke sind hochwertig und langlebig, ich trage sie viele Jahre und reduziere auf diesem Wege meinen Verbrauch an Kleidungsstücken deutlich (noch besser ist es, gebrauchte Sachen zu kaufen, was ich auch mache, wenn ich etwas passendes finde). Ich bin unabhängig von Modeströmungen und dem (meist doch recht austauschbaren) Angebot in den Läden. Und – es macht schlichtweg Spaß, auf diese Weise kreativ zu sein!

Die Leute sprechen mich oft auf die maßgeschneiderten Sachen an. Sie machen Komplimente, fragen nach und freuen sich ganz offensichtlich, mal was buntes zu sehen. Besonders im Winter, wenn die meisten in der Stadt in schlichten, dunklen Sachen rumlaufen und aufs Schietwetter schimpfen. Dann sind die Straßen angefüllt mit den immer gleichen Sachen aus den immer gleichen Läden in den immer gleichen Kombinationen, an hängenden Schultern unter langen Gesichtern. Eine maulige Masse in Taupe, Stein und Schlamm. Unter grauem Himmel. Im Regen. Uäh.

Als Hamburgerin weiß ich, dass es kein schlechtes Wetter gibt, sondern nur schlechte (sprich unpassende) Kleidung. Würde ich meine Laune und mein Wohlgefühl vom Wetter abhängig machen – tja, dann würde ich wohl nur noch abhängen und das nicht auf die erholsame Art. Ehrlich jetzt, wann isses denn wirklich mal gut?

Genau. Kann man knicken.

Darum halte ich dem Regen, den darin umherschlurfenden Miesepetras und Miesepetern und allen sonstigen trüben Einflüssen (unter anderem) Farbe entgegen: Hier! Nimm‘ das! Mich kriegste nicht grau, ha! Damit beeinflusse ich zwar nicht das Wetter, aber meine Laune und ich bringe den einen oder anderen Farbklecks unter die Leute. Immerhin.

Wer weiß, vielleicht lässt sich ja der eine oder die andere inspirieren?

Mit Kleidung kannst Du (zumindest zu einem klitzekleinen Stück) selbst bestimmen, wie Dein Tag wird. Egal, was kommt, Du kannst der Beige-in-Grau-in-Schwarz-Einheitssoße trotzen und wenn es nur mit bunten Socken ist (wie Sherlock Holmes in ‚Elementary‘, einer meiner Lieblingsserien). Wenn Du zu den Glücklichen zählst, die selbst nähen können (oder notfalls nähen lässt, räusper), eröffnet Dir das unendlich viele Kombinationsmöglichkeiten aus Schnitten, Stoffen, Aufnähern, Borten, Knöpfen …

Also, worauf wartest Du?

Schiet aufs Schietwetter – ran anne Farbe!

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